| Fabrizio de André - Storia di un impiegato |
|
|
Ich habe 1968 im engen Kontakt mit den Gruppen der extremen Linke erlebt. Ich habe am Versuch der Erneuerung teilgenommen. Ich bin ihnen nicht gefolgt, weil der unabhängige Künstler unabhängig von seiner Ideologie in der Regel ein Individualist ist. Ich habe die Gewaltexzesse nie gebilligt. Den Widerstand gegen die Art und Weise, wie die Gesellschaft verwaltet wurde, ohne auch nur im geringsten der Gesellschaft selbst Rechnung zu tragen, billigte ich sehr wohl. Wir wollten die Entfernung zwischen der Macht und der Gesellschaft verringern. Wir haben verschiedene Siege errungen, wenn man nur an die sexuelle Revolution und an die Informationsfreiheit, die es damals nicht wirklich gab, denkt. 1968 war eine spontane Revolte. Die Tatsache, dass sie nicht gelungen ist, ist vielleicht gut. Wenn man bedenkt, dass das grosse Problem jeder Revolution ist, dass wenn die Revolutionäre erstmal die Macht ergriffen haben sie aufhören Revolutionäre zu sein um Verwalter zu werden. Ein Angestellter hört 5 Jahre nach der 68er Revolte eines der Kampflieder von damals (la canzone del maggio). Das Lied erinnert an die Geschehnisse während der Studentenrevolte im Mai 1968 in Frankreich. Das Lied erinnert an all die, die am Kampf teilgenommen haben. Auch an die, die sich aus Angst in den Häusern verkrochen haben. Der Angestellte vergleicht sein Leben, seinen gesunden Menschenverstand, seinen Individualismus und die Angst mit dem Leben der Jungs, die sich dem unterdrückenden System widersetzt hatten. Er begreift, dass er sich denen nicht anschliessen kann, ihnen nicht folgen kann, denn die Realität, in der er lebt, hat ihn beeinflusst, hat ihn für immer gezeichnet. Er sieht nur eine Möglichkeit sich zu rächen: Bei einem Maskenball (Al ballo mascherato), an dem all die Mythen teilnehmen, die ihn beeinflusst und befremdet haben. Auf die kulturellen Werte, die bürgerliche Macht, sowie Mutter und Vater, zündet er eine Bombe. Er beginnt zu träumen und sieht die Folgen seines Tuns. Nachdem er das Sterben all derer beobachtet hat, die er jahrelang respektiert hat und die sein Verhalten geprägt hatten, befreit er sich zum Schluss auch noch von dem Freund, der ihn gelehrt hatte zu rebellieren. Das ist der endgültige Tribut an den Individualismus, von dem er Opfer ist. Der Traum geht weiter (sogno numero due). Ein Richter teilt ihm mit, dass die bürgerliche Macht über seine Pläne jederzeit informiert war, dass er wie jeder Bürger schon von Geburt an genau beobachtet wurde. Die Anklage wegen Mordes verwandelt sich in Dank dafür, dass er Altlasten eliminiert hat, die den Machthabern selbst lästig waren. Er wird nun selber im Kreis derer aufgenommen, die regieren, die entscheiden und über die eigene Freiheit und die der anderen verfügen. Ein neuer Traum (canzone del padre): Der Angestellte nimmt nun den Platz des Vaters ein, den er selbst geopfert hat, um sich Freiräume zu schaffen. Auch er lebt das gleiche Leben aus Illusionen, Enttäuschungen und den verzweifelten Versuchen seine Integrität, seinen Besitz und sein Geld zu verteidigen. Der Traum wird zum Albtraum und er erwacht. Er weiss, dass er am Ende ist. Er weiss nun, dass auch wenn man die Treppe der Macht hinaufsteigt, man nicht seiner Isolation und Existenzangst entfliehen kann. Er zieht los um eine Bombe (il bombarolo) direkt in das Parlament zu werfen. Doch die Bombe verfehlt ihr Ziel und landet in einem Zeitungskiosk mit dem Erfolg, dass am darauf folgenden Tag das Bild seiner Verlobten ihn von allen Titelblättern aller Tageszeitungen vorwurfsvoll anschaut. Er schreibt seiner Verlobten einen Brief aus dem Gefängnis (nella mia ora di libertà). Im Gefängnis, in einer Realität, die nicht mehr individualistisch ist, sondern die möglicherweise höchste Stufe des Gleichseins ist, entdeckt er eine neue Art, das Leben zu begreifen. Er entdeckt die Realität der Worte Kollektiv und Macht. |
|
| Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 4. März 2007 ) |




